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October 5, 2013

Konflikte zwischen Wildkatze und Windkraft

Filed under: Germany — Tags: — National Wind Watch @ 12:03 pm

[Conflict between wildcats and wind power – Ever more wind turbines break up the species-rich forest area on the Kalteiche.]

Wilnsdorf/Haigerseelbach. Immer mehr Windkraftanlagen zerreißen das artenreiche Waldgebiet auf der Kalteiche.

Die Wildkatze ist nicht nur nach europäischem Recht streng geschützt, sondern auch scheu. Deutschland ist daher verpflichtet, “für dieses scheue Waldtier Schutzmaßnahmen zu planen”. Klingt beinahe wie ein Zitat aus den Aktionspapieren einer kampfbereiten Wildkatzenschutzorganisation. Ist es aber nicht. Vielmehr stehen diese Sätze in der “Anleitung zum Umgang mit Totfunden von Wildkatzen”, herausgegeben von Hessen-Forst, der hessischen Forstbehörde. Ein internes Datenblatt der gleichen Behörde geht ins Detail. Als Schutzmaßnahme empfohlen wird hier die “Zurückhaltung bei weiterer Walderschließung”. Und: “Störungen durch Tourismus, Hunde, Siedlungen oder Bauvorhaben in der Nähe der Habitate”, zählt Hessen-Forst im Datenblatt explizit zu den Gefährdungsfaktoren.

Lautlose “Windmühlen” rauschen laut

Etwas anders fällt die Einschätzung der Gefährdungslage offenbar auf den windigen Höhen der Kalteiche zwischen Wilnsdorf, Wilgersdorf und Haigerseelbach aus. Im Bereich des Sinnerhöfchens auf der hessischen Seite der Kalteiche rotieren zurzeit insgesamt sechs Windkraftanlagen. Bei entsprechendem Wetter versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. Offiziell nahezu lautlose “Windmühlen” rauschen lauter als die A 45, was zu den frei geschobenen Zufahrtswegen passen würde, die in ihrer Ausdehnung an die Landebahn eines Flugplatzes erinnern. Wie ein idealer Lebensraum für scheue Wildkatzen sieht das nicht aus. Nicht auf den ersten und sicher auch nicht auf den zweiten Blick. Eher für Windkatzen. Das sieht eigentlich auch Hessen-Forst so: “Sie (die Wildkatze) hält sich gerne an Orten auf, die besonnt, trocken und ungestört sind.” Besonnte und trocken sind die gerodeten Flächen am Sinnerhöfchen schon, ungestört sicher nicht. Auch nach dem Bau sind Wartungs- und Reperaturarbeiten notwendig.

Berücksichtigung dieser Tierart mache keinen Sinn

Der Windpark Sinnerhöfchen steht seit diesem Jahr. Und zwar im Wald-Eigentum von Hessen-Forst. Die Anlage garantiert nach SZ-Informationen jährliche Pachtgebühren im mittleren fünfstelligen Euro-Bereich pro Windrad. Eine “spezielle artenschutzrechtliche Prüfung” für diesen Windpark, datiert auf Oktober 2011, und in Auftrag gegeben von der HSE Regenerativ GmbH aus Darmstadt, bewertet die Auswirkungen der Windkraftanlage auf Vögel und Fledermäuse, nicht aber auf Wildkatzen. Eine gutachterliche Berücksichtigung dieser Tierart mache hier keinen Sinn, sei nicht relevant, erklärte Günter Ratzbor, einer der beiden Gutachter, auf Nachfrage der SZ. Dass die Katze keine Probleme mit den Anlagen hätte, habe ihm Hubert Weinzierl, langjähriger Vorsitzender des BUND-Bayern, am Rande einer Tagung in einem “lustigen Gespräch” erzählt.

Wissenschaftliche Untersuchung dringend notwendig

Völlig anders und ziemlich humorlos sehen das Gabriele und Harry Neumann, die Wildkatzen-Experten des BUND für Rheinland-Pfalz und Westerwald. Beide haben vielmehr den Eindruck, dass die Wildkatze ein Störfaktor für die Planung von Windkraftanlagen ist. Die Tierart benötige ungestörte, zusammenhängende Wälder, so das Ehepaar. Und die Kalteiche sei ein wichtiger Artenschutz-Korridor im Dreiländer-Eck, zwischen Westerwald, Siegerland und Wittgenstein. Ein genetischer Austausch zwischen den Populationen der streng geschützten FFH-Art müsse gesichert werden. Nur so könne die Tierart überleben. Dringend notwendig sei dazu eine lange geforderte wissenschaftliche Untersuchung über die Auswirkungen von Windkraftanlagen auf die Tiere.

Konflikte zwischen Wildkatze und Windkraft

Die überfahrene Jungkatze, die im September an der B54 nahe Sinnerhöfchen gefunden wurde (die SZ berichtete) überraschte sie nicht. Nach Störungen, wie sie beim Bau eines Windparks auftreten, würden die Katzen ihren Lebensraum erst einmal verlassen. Dabei müssten die Katzen ungewohnte und für sie unbekannte Wege gehen, über Straßen und Autobahnen. Immer wieder käme es dabei zu Unfällen. Die SZ-Recherchen nach dem Fund der überfahrenen Wildkatze an der Grenze von NRW und Hessen förderten Erstaunliches zu Tage: Hessen-Mobil, also praktisch die “Kollegen-Behörde” von Hessen-Forst, hatte im Rahmen eines Straßenverlegungsprojektes 2012 auf der Kalteiche nach Wildkatzen gesucht und war sofort fündig geworden. Aufwendige DNA-Untersuchungen belegten das Vorkommen der Wildkatzen nur einen Steinwurf vom Sinnerhöfchen entfernt.

Der Datenfluss endete aber offensichtlich vor den Türen von Hessen-Forst. Diese Behörde markiert in ihrer Wildkatzen-Broschüre von 2009 zwar für den Bereich der Kalteiche das Vorkommen der Art – aufgelistet werden hier Nachweise aus dem Zeitraum zwischen 1990 und 2008. Doch auf Nachfrage der SZ bei Hessen-Forst, Servivezentrum Forsteinrichtung und Naturschutz, (FENA) in Gießen, erklärte ein Mitarbeiter gestern schriftlich: “Die Recherchen in unserer Datenbank ergeben für diesen Grenzbereich tatsächlich nur zwei unsichere Sichtnachweise aus den späten 1980-Jahren für den Bereich Haiger und einen Totfund im Bereich Kalteiche aus dem Jahr 2001.” Pikant an dieser Stelle ist, dass Hessen-Forst in der mehrfach zitierten Broschüre ausdrücklich schreibt: “Der Fachbereich Naturschutz bei Hessen-Forst FENA ist Sammelstelle für Artendaten in Hessen.” Glaubt man den Wildkatzen-Experten, aber auch der Forst-Broschüre, dann dürften sich die Probleme für Wildkatze und Co – ebenfalls bekannt sind z. B. Vorkommen von Schwarzstorch, Kolkrabe, Sperlingskauz, Raufußkauz, Uhu, Rotmilan und Fischadler – auf der Kalteiche schon bald zuspitzen. Zurzeit läuft das Genehmigungsverfahren nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz für drei weitere Windkraftanlagen im benachbarten Dillbrecht, nahe der Tiefenrother Höhe und nahe des Rothaarsteiges.

Die SZ konnte hier bereits einen Blick in die Artenschutzprüfung werfen, Auftraggeber ist diesmal die juwi Energieprojekte GmbH. Die geplanten drei Windkraftanlagen liegen demnach in einem “prioritären Hauptkorridor” wird festgestellt. Konflikte zwischen Wildkatze und Windkraft würden zum Beispiel auftreten, wenn Barrieren in den Wanderkorridoren entstehen würden. Doch die direkten Standorte der Dillbrechter Anlagen böten Wildkatzen keine besonders geeigneten Habitatstrukturen. Anscheinend wurde auch hier kein Blick in die Untersuchungen von Hessen-Mobil geworfen. Nach SZ-Informationen sind sogar zwei weitere Anlagen auf hessicher Seite nahe des Hirschsteins an der Grenze zu Wilgersdorf geplant, die noch auf keiner Karte auftauchen. Und in der kommenden Woche berät der Umweltausschuss in Wilnsdorf über weitere drei Windkraftanlagen auf NRW-Seite in der Wilnsdorfer Windvorrangzone.

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